HERstory - Über die Geschichte der Wechseljahre

HERstory - Über die Geschichte der Wechseljahre

Hast du dich schon einmal gefragt, warum über weibliche Themen wie Menstruation oder Wechseljahre als Kind niemand mit dir gesprochen hat? Warum gerade Frauen als "zickig", "kompliziert" oder "anstrengend" gelten? Warum du vielleicht selbst schon einmal so über andere Frauen gedacht hast? Oder dich selbst?

Unsere Gesellschaft und damit die Art, wie wir leben und denken, ist konstant im Wandel. Wir tauschen uns aus, darüber, wie die Welt zu sein hat oder nicht, schaffen Politik, Kunst, Kultur und Wissen. Jegliche Einflüsse und Vorstellungen über unser Leben haben sich dabei über Jahrhunderte in unserer Gesellschaft manifestiert. Auch das Frau-Sein und die Wechseljahre als Teil dieses Frau-Seins, ist demnach immer an bestimmte Erwartungen und gesellschaftliche Vorstellungen geknüpft.

Frauen wurden jedoch lange aus den oben genannten Bereichen herausgehalten und hatten daher wenig mitzureden, im Gespräch darüber, wie die Welt ist und wie sie sein sollte oder eben nicht.

Für den Großteil der Menschheitsgeschichte wurden die Wechseljahre daher nicht als ernstzunehmendes Thema gesehen. Zum Teil aus Ignoranz, zum Teil aber auch wegen einer schlichtweg kürzeren Lebensspanne. Heute werden wir jedoch älter und offener. Frauen emanzipierter.

Wie gehen wir also heute mit dem Alter, dem Frau-Sein und den Wechseljahren um? Und - warum denken wir, wie wir denken?

Ein Blick in die Geschichte gibt Aufschluss.

Eine Geschichte des Schweigens

Tatsächlich war bereits den alten Griechen die Menopause bekannt. Allerdings erreichten zu dieser Zeit nur die wenigsten Frauen das "hohe Alter" der Wechseljahre. Die wenigen, die es taten, waren mit ihren Beschwerden auf sich gestellt.

Es herrschte außerdem schon in der Antike die Annahme, dass Frauen das schwächere Geschlecht seien. Der einzige Wert, den eine Frau wirklich hatte, war ihre Fruchtbarkeit. Hatte sie diese verloren, war sie nicht mehr begehrenswert. Bis ins 18. Jahrhundert wurde die alternde Frau daher in der ausschließlich von Männern gemachten Wisschenschaft nicht behandelt, in der Lyrik wurde überwiegend negativ über sie geschrieben. Ein Bild, das sich bis heute durchgesetzt hat.

"Sieh diese Frau und sieh: Sie ist kalt. Erinnere dich, wie schön sie einst aussah! Jetzt betrachte sie nicht mit Deinem Herzen, sondern kalt und sage: sie ist alt." - Bertholt Brecht

Auch wurde in der Antike die Idee geprägt, dass Frauen besonders anfällig für bestimmte Krankheiten seien. Die Ursache? Die Gebärmutter. Im Altgriechischen "hystéra" genannt. Es musste schließlich einen Grund geben, warum gerade Frauen so zahlreichen Krankheiten verfielen, die sie im Gegensatz zum Mann so kompliziert, sprunghaft und emotional machten. Es musste also ein spezifisch weibliches Organ dafür verantwortlich sein.

So ging Hippokrates von einer beweglichen Gebärmutter aus, die ihre Lage verändern und im gesamten Körper umherwandern könnte und somit verschiedene Beschwerden auslöste. Im Corpus Hippocraticum gab es zu lesen: "Die Gebärmutter ist an allen Krankheiten schuld."

Diese Auffassung wurde lange Zeit auch von Größen wie Paracelsus oder Leonardo da Vinci vertreten.

Die große Hysterie

Bis zum 18. Jahrhundert wurde der Wechsel noch als ein natürliches Phänomen angesehen. Das sollte sich bald ändern. Um 1700 begannen Ärzte damit, über ein Syndrom zu schreiben, das sie "das Ende der Menstruation als Beginn von verschiedensten Krankheiten" nannten.

In der Zeit Charles-Pierre-Louis de Gardannes, welcher letztlich 1821 den Begriff "Menopause" prägte, schlug die Medizin schließlich eine neue Richtung ein, weg von ganzheitlichem, philosophischen Denken, hin zu Empirie. Damit wurden die Wechseljahre nach und nach zur Krankheit. Die ersten Mediziner brachten so einige Symptome mit dem neuen Phänomen in Verbindung. Darunter einige Dutzend Beschwerden, wie Fieber, Geschwüre, Krebsarten, Hämorrhoiden und sogar Hepatitis. Das Resultat - immer mehr Therapien, um die Menopause zu behandeln. Einige davon mit gefährlichen Nebenwirkungen.

Während Hippokrates von einer beweglichen Gebärmutter ausging, war man im 19. Jahrhundert weiter. Nun war die Annahme, die Gebärmutter sei mit dem Gehirn verbunden und könne so "psychische Leiden" auslösen. So wurde schnell ein ganzes Krankheitsbild konstruiert - die Hysterie. Diese sollte sich schnell zur Frauenkrankheit schlechthin etablieren. Besonders ältere Frauen seien, so die Ärzte und Wissenschaftler, anfällig für einen "klimakterischen Wahn". Zu den Symptomen zählten unter anderem Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, sexuelle Lust oder Unlust, sowie die Tendenz "anderen Ärger zu bereiten".

Organische Ursachen fanden sich keine. Ab Ende des 19. Jahrhunderts erkannten Josef Breuer und Sigmund Freud die "Hysterie" immerhin als psychische Erkrankung. An der Wahrnehmung der Frau änderte diese Erkenntnis allerdings nur wenig.

So oder so -

"Die Hysterie ist eine organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes", schrieb Otto Weininger noch 1903.

Fluch und Segen zugleich

In einer Gesellschaft, in der Frauen ohnehin, freilich, aufgrund ihrer "natürlich gegebenen Eigenschaften", nur wenige Rechte besaßen, wurden diese Vorstellungen schnell problematisch. Körperliche Symptome wurden auf diese Art zum Spiegelbild gesellschaftlich etablierter Rollenbilder. Gleichzeitig äußerten sich darin aber auch die Schwierigkeiten, die Frauen hatten, sich in dieser Gesellschaft zurechtzufinden.

"Die ganze Erziehung der Frau muss daher auf die Männer Bezug nehmen. Ihnen gefallen und nützlich sein, (...) das sind zu allen Zeiten die Pflichten der Frau." - Jean-Jacques Rousseau

Sigmund Freud nannte die Hysterie auch die "Krankheit des Gegenwillens". Tatsächlich waren "hysterische Anfälle" für viele Frauen eine Möglichkeit, ihren ereignislosen Lebenswegen und ihrem Alltag als Ehefrau und Mutter zu entkommen.

Das logische Resultat war jedoch, die Hysterikerinnen in Nervenanstalten unterzubringen. Diese waren ursprünglich für Kriminelle oder "Idioten" gedacht. Oder aber es wurden schwerwiegende Operationen durchgeführt, welche die Frauen von ihrer Hysterie befreien und sie wieder "nützlich machen" sollten. Denn, die Eierstöcke, so glaubte man, seien der "Sitz der femininen Essenz und der Moral einer Frau". Sobald die Menopause einsetzte, verlor eine Frau ihre femininen und moralischen Eigenschaften und war von nun an nicht mehr bei klarem Verstand. Die Lösung: Eine Entfernung der weiblichen Geschlechtsorgane. Die Hysterektomie. Das würde dazu führen, dass Frauen von nun an wieder gefügig, sanftmütig und hart arbeitend seien.

Hunderten von Frauen wurden damit die Eierstöcke entfernt, eine Operation, die notwendig schien, um "Krankheiten" wie Hysterien oder Nymphomanie in den Griff zu bekommen.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts, sickerte schließlich endlich die Theorie durch, dass die Wechseljahre mit all ihren Symptomen auf die Hormone zurückgeführt werden können.

Stecken wir in der Geschichte fest?

Mit dem Fortschritt der medizinischen Forschung wurden auch die Vorgänge der Wechseljahre immer besser verstanden. Damit endete zwar der Glaube an die große Hysterie der Wechseljahre, wurde aber zunächst mit der Theorie ersetzt, dass die "verlorene Weiblichkeit" einer Frau durch Hormonbehandlungen wiederhergestellt werden könne.

Bis zu den 1960ern erlangten synthethische Hormontherapien immer mehr Beliebtheit. Zur Zeit der Pille und 'sexuellen Revolution', galt sie schließlich als die 'ultimative Befreiung der modernen Frau'. Erst 2002 zeigte eine Studie der Women's Health Initiative (WHI) negative Langzeiteffekte auf. Darunter ein erhöhtes Risiko für Brustkebs, Herzinfarkte und Schlaganfälle. 2004 meldete die Initiative jedoch, dass die Effekte überschätzt wurden. Bis heute sind sich Mediziner:innen und Wissenschaftler:innen uneinig.

Glücklicherweise haben wir auch in der Art und Weise, wie wir Frauen betrachten und bewerten Fortschritte gemacht. Es ist schon bedrückend darüber nachzudenken, wie schwer es Frauen noch vor wenigen hundert Jahren hatten.

Doch nicht alle die Gedanken, Glaubenssätze und Erwartungen sind Relikte der Vergangenheit. Denn die Geschichte ist tief verwurzelt in uns allen.

Tabus & Stigmata lösen

Was geblieben ist, ist das Schweigen. Denn noch für die meisten unserer Mütter und Tanten sind Themen wie Menstruation, Sexualität und Wechsel ein großes Tabu.

Auch in der Wissenschaft kam die Frauenforschung nicht nur in den vergangenen Jahrhunderten zu kurz. Die Medizin, inklusive medizinischer Forschung, ist bis heute zum Großteil auf Männer ausgerichtet. Das liegt vermutlich auch an den wenigen weiblichen Forscherinnen. Bis in die 1970er Jahre war die Forschung fast ausschließlich von Männern besetzt.

Bis vor wenigen Jahren sah man die Wechseljahre allgemein eher als ein "behandlungsbedürftiges Hormondefizit". So war es eben Standard, jeder Frau im Wechsel pauschal die Hormontherapie zu verschreiben. Positiv war, dass zumindest in diesem Kontext endlich über das Klimakterium gesprochen wurde. Allerdings vorwiegend in Apothekenzeitschriften oder unter dem Thema "Anti-Aging". Frauen sollten also so lange es ging, ihren natürlichen Alterungsprozess hinauszögern und weiterhin ihre Wechselsymptome im Stillen austragen oder sie einfach mit Hormonen stillstellen.

"Stigmata, Scham und ein fehlendes öffentliches Bewusstsein, sowie die Misskommunikation, bedeutet für viele Frauen, dass die Wechseljahre entweder 'Leiden im Stillen' bedeuten oder sie zur Krankheit gemacht werden, deren einzige Lösung die Hormonersatztherapie ist." - The Lancet

Neuer Aufbruch

Es ist an der Zeit, dieses antiquierte Bild der Frau ziehen zu lassen. Weltweit fordern Frauenärzt:innen, die Wechseljahre neutraler zu betrachten und den Fokus weniger auf das Negative zu legen. Expert:innen sind sich einig - könnten wir das Alter positiver sehen, wären auch die Wechseljahre als eindeutiges Zeichen des Alterns weniger negativ behaftet. Nicht nur macht das glücklicher, es ist auch gesünder - denn Frauen mit positiven Erwartungen, entwickeln laut Studien auch weniger häufig Wechsel-Symptome.

Aktuelle Trends wie "positive aging" oder "bestager" tragen zum Glück zu einem positiveren Bild bei. Unterstützung bekommen sie von Prominenten wie der früheren First Lady, Michelle Obama. Auch sie will das lange Schweigen brechen: "Die Hälfte von uns macht das durch, aber wir tun so, als würde es nicht passieren."

Auch wir sind der Meinung, Frauen sowie Ärzt:innen sollten besser aufgeklärt und das Positive dieser Lebensphase betont werden.

"Das Altern von Frauen als normal anzusehen, Stärke, Schönheit und Errungenschaften älterer Frauen zu feiern, kann das Narrativ ändern und positive Rollenmodelle anbieten." - Martha Hickey

 

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