Selbstliebe in den Wechseljahren - Teil 1

Selbstliebe in den Wechseljahren - Teil 1

Atemtherapeutin Dr. Angela Tichy über Selbstliebe in den Wechseljahren

Sie beginnt sich zu fragen: Was war mir bisher in meinem Leben wichtig? Worauf habe ich mich konzentriert? Wofür meine Energien verwendet? Was habe ich des Öfteren vernachlässigt? Frau stellt im Zuge dessen fest, dass bis jetzt vor allem das Wohl anderer im Fokus stand, gute Leistung in der Arbeit unabdingbar war und dem äußeren Erscheinungsbild ein großer Stellenwert beigemessen wurde. Jetzt, in den Wechseljahren, merkt sie, dass sie sich um ihr Wohlergehen und ihre Bedürfnisse zu wenig gekümmert hat. Doch die Wechseljahre stellen nicht nur eine Zeit voller Fragen dar, sondern können auch eine sehr schmerzhafte Erfahrung sein. Störungen der Libido, Antriebslosigkeit und Gedächtnislücken: Der Verlust der Jugend tritt Schritt für Schritt ein.

All dies kann dazu führen, dass es einer Frau nicht gut geht, dass sie nicht zufrieden mit sich selbst ist, dass sie leidet. Wenn eine Frau keine solide, liebevolle Beziehung zu sich selbst hat, sind diese schmerzhaften und ängstlichen Phasen das Ergebnis. Behaarung, Gewichtszunahme, Hitzewallungen und Co. lassen sie befürchten, nicht mehr attraktiv und daher auch nicht liebenswert zu sein. Genau dann ist es wichtig, Folgendes zu lernen: Selbstliebe.

In dieser Reihe stellen wir euch Atemtherapeutin Dr. Angela Tichy und das von ihr entwickelte Selbstliebe-Training vor. Es sind  sieben Schritte, mit denen ihr vor allem in den Wechseljahren zu einer liebevolleren Selbstbeziehung kommen könnt. Wir starten heute mit ihrem ersten Schritt – der Selbstwahrnehmung.

Selbstwahrnehmung kann nicht für sich alleine stehen, sie ist nur im Kontext mit der Selbstliebe richtig zu verstehen. Wenn eine Frau Selbstliebe erlernen, oder eine liebevollere Beziehung zu sich selbst aufbauen will, dann muss die Selbstwahrnehmung der erste Schritt sein. Dr. Angela Tichy hat uns verschiedene Fragen beantwortet und gezeigt, wie Frau im Wechsel sich wahrnehmen kann. 

Was ist unter dem Begriff der „Selbstwahrnehmung“ zu verstehen?

Das bedeutet Zuwendung. Ich nehme mir Zeit, um mir selbst Aufmerksamkeit zu schenken.

Ich spüre in meinen Körper hinein und nehme wahr, wie ich mich fühle: körperlich, emotional und mental. Wir alle sehnen uns danach, wahrgenommen zu werden. Deshalb ist die Zeit, die wir uns schenken, so heilsam. Der Körper liebt es gespürt zu werden. Er entspannt sich meistens sofort merklich. Unsere Gefühle atmen auf, wenn sie einmal da sein dürfen, so wie sie sind. Und unser Geist wird ruhiger, wenn wir ihn betrachten. Abgesehen davon, ist es sehr wichtig, dass wir wissen, wie es uns geht. Nur so können wir auf uns achten und so handeln, wie es für uns gut ist.
 

Selbstwahrnehmung ist der erste Schritt in Richtung Selbstliebe
Selbstwahrnehmung ist der erste Schritt in Richtung Selbstliebe


Viele Frauen hadern mit sich, besonders in den Wechseljahren, warum ist das so?

Die Wechseljahre sind ein Einschnitt im Leben einer Frau. Sie ist mit dem Altern, dem Verlust der Fruchtbarkeit und auch mit ihrer Vergänglichkeit konfrontiert. Das sind dramatische Veränderungen. Unabhängig von etwaigen Wechselbeschwerden, wird die Haut schlaffer, sie nimmt leichter an Gewicht zu, die Libido verabschiedet sich in vielen Fällen, die Leistungsfähigkeit geht zurück und die Konzentration lässt nach. Je nachdem, womit sich eine Frau vor ihren Wechseljahren identifiziert hat, woraus sie ihren Wert bezogen hat, können Anpassungsschwierigkeiten und Selbstwertprobleme auftreten. In jedem Fall hat sie – bevor sie die positiven Seiten der Sache erkennt - erst einmal Verluste zu beklagen.

Manche Frauen identifizieren sich sehr stark mit Jugend und Schönheit. Diese beiden Dinge haben in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert und gehen oft Hand in Hand. Als wirklich schön wird eine Frau nur empfunden, so lange sie zumindest jung wirkt und sexy aussieht. So wird es uns über die Medien vermittelt. Der „Marktwert“ einer Frau sinkt mit der Menopause mehr oder weniger auf Null. Frauen, die dem gängigen Schönheitsideal entsprochen haben, leiden oft besonders stark, wenn sie altern. Sie sehen sich mit der Frage konfrontiert: Wer bin ich denn, wenn ich nicht jung und schön bin? Bin ich denn noch begehrenswert, liebenswert? Manche Frauen haben das Gefühl mit ihrer Fruchtbarkeit auch ihre Weiblichkeit zu verlieren.

Bei anderen Frauen läuft das eher über die Schiene der Leistungsfähigkeit. Wenn sie merken, dass sie im Beruf nicht mehr so fix und fit sind, kann das auch oft eine Krise auslösen. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, fragt sie sich vielleicht: Werde ich überhaupt noch gebraucht? Lesbische Frauen haben es, was den Verlust der Jugend und der Fortpflanzungsfähigkeit anbelangt, vielleicht wenig leichter, aber auch nicht unbedingt.

Es ist einfach so, dass junge, schöne, schlanke, sexuell attraktive oder leistungsfähige Frauen in unserer Gesellschaft einen wesentlich höheren Stellenwert haben, als eine „weise Alte“.

Wie verändert sich die Selbstwahrnehmung in den Wechseljahren? Wie hat sich deine verändert?

Vor den Wechseljahren habe ich mich, wie so viele Frauen sehr viel am Außen orientiert: Wie wirke ich? Wie muss ich sein, wenn ich gefallen will? Was erwarten andere von mir? Mache ich es richtig? Leiste ich auch genug? Sollte ich nicht auch ...?

Ich würde sagen, dass ich meine Wahrnehmung erst mit den Wechseljahren so richtig auf mich gerichtet habe, besser gesagt, in mich hinein. Erstens ging es mir psychisch nicht gut, denn ich hatte massive Wechselbeschwerden, zweitens wurde mir bewusst, dass meine Lebenszeit begrenzt ist. Obwohl das eigentlich erschwerend hinzugekommen ist, hat es geholfen, dass ich zu der Zeit alleine war, da ich nicht mehr erwarten konnte, von einem anderen Menschen wahrgenommen und umsorgt zu werden. Ich war förmlich gezwungen, mich mir selbst zuzuwenden. Wenn ich wollte, dass es mir besser geht, wenn ich ein glückliches, restliches Leben haben wollte, dann war es notwendig, dass ich mich mir selbst zuwende, um herauszufinden, was ich denn für mein Wohlbefinden und mein Glück brauche. Es ging mir also immer weniger darum anderen zu gefallen und „gut" zu sein, als mir selbst Gutes zu tun. Das ist schon ein großer Unterschied.

Wie kann ich mich mir selbst zuwenden und mir Aufmerksamkeit schenken? Was hast du getan?

Ich habe mir bewusst Zeit für mich genommen, um herauszufinden, was ich fühle und wie es mir so geht. Wie ich das genau mache? Ich schließe die Augen und lasse mich von meinem Atem in den Körper hineinführen. Dann durchwandere ich meinen Körper mit meiner Aufmerksamkeit: Körperteil für Körperteil und mache so eine Bestandsaufnahme. Anschließend stelle ich fest, in welcher Stimmung ich mich befinde und zum Schluss mache ich mir auch noch meine Gedanken bewusst. Dann weiß ich allumfassend, wie ich beisammen bin. Am Anfang dauerte der Vorgang ca. zehn Minuten, jetzt bin ich so gut mit mir verbunden, dass das sehr schnell geht.

Warum fehlt vielen von uns das Gefühl für sich selbst?

Was ist denn in unserer Gesellschaft wichtig? Doch vor allem äußerliche Dinge! Erfolg, gutes Aussehen, Spaß, Prestige, Geld, Beruf, Leistung, Pflichterfüllung, Image, Status, etc. Wo ist denn da Platz für unsere Gefühle? Es geht doch in unserer Gesellschaft nicht um Sein, es geht doch mehrheitlich um den Schein. Warum geraten so viele Menschen, vor allem Frauen, in ein Burn-out? Weil es schier unmöglich scheint zu sagen: „Ich kann nicht mehr. Es ist mir zu viel. Ich fühle mich überfordert. Ich brauche Zeit für mich.“ Wir verdrängen unsere Gefühle, weil wir so besser „funktionieren“ können. Viele von uns haben den Anspruch an sich selbst, dass sie immer alles schaffen, was von ihnen erwartet wird. Dahinter steht die Angst, abgelehnt zu werden. Nicht gut genug zu sein, ist für viele ein großes Thema.

Unser Geist wird ruhiger, wenn wir ihn betrachten
Unser Geist wird ruhiger, wenn wir ihn betrachten


Wie hat sich dein Gefühl für dich durch eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema Selbstliebe verändert?

Meinst du, ob ich mich mehr mag? Ja natürlich! Ich bin viel zufriedener mit mir, ich schätze mich, ich nehme mich so an, wie ich bin. Mit meinen Ecken und Kanten. Zumindest meistens. Ich gehe grundsätzlich viel liebevoller mit mir um und finde mich gut, so wie ich bin. Ich habe nicht nur erkannt, dass ich selbst der wichtigste Mensch in meinem Leben bin, sondern auch, dass niemand dazu abgestellt ist, mich glücklich zu machen. Es wurde mir auf einer tieferen Ebene klar, dass ich allein für mein Glück verantwortlich bin. Ergo: Wenn ich glücklich sein will, dann muss ich lernen mich zu lieben, damit ich mich gut um mich selbst kümmern kann. Wo ich früher abhängig war von einer Partnerschaft, um mich glücklich und sicher zu fühlen, kann ich heute wunderbar mit mir alleine sein. Dadurch sind mein Selbstwertgefühl und mein Vertrauen in mich selbst unglaublich gestiegen.

Ich war in meinen Stimmungen oft abhängig von den Stimmungen und Meinungen anderer. Das bin ich nun viel weniger. Ich stelle mich nun viel weniger in Frage, in dem Sinne, dass mich Selbstzweifel plagen. Ich bin auch weniger abhängig von der Bestätigung anderer. Ich brauche niemanden, der mir sagt, dass ich eine tolle, liebenswerte Frau bin. Ich sage es mir selbst und ich glaube mir. Das heißt nicht, dass ich mich nicht freue, wenn ich es zu hören bekomme, aber mein Selbstwertgefühl hängt nicht mehr davon ab.

Ich habe einen wesentlich besseren Kontakt zu meinen Gefühlen. Ich habe gelernt auf sie zu hören und ihnen Rechnung zu tragen, ohne mir den Kopf darüber zu zerbrechen, ob das auch ok ist, dass ich mich an erste Stelle setze. Wenn es mir gut geht, dann kommt das auch allen anderen zugute, die mit mir zu tun haben, weil ich ausgeglichener, entspannter und freundlicher bin. Meine Selbstakzeptanz ist sehr gestiegen. Ich bin gut, so wie ich bin. Ich bin genug. Ich muss heute auch nicht mehr perfekt sein und alles richtig machen.

Ich bin heute auch viel freundlicher mit mir, wenn ich einen Fehler gemacht habe oder einen Fauxpas begangen habe. Vor allem letzteres grenzte früher fast an eine Katastrophe. Ich bin da jetzt viel nachsichtiger mit mir. Wenn ich etwas verbockt habe, dann gebe ich mir erst selbst Mitgefühl in und beruhige mich, bevor ich die Sache in Ordnung bringe. Das funktioniert dann auch viel besser.

Ich kann gar nicht alles beschreiben, was sich verändert hat. Jedenfalls bin ich jetzt eine viel freiere und glücklichere Frau, als ich es war, bevor ich die Notwendigkeit der Selbstliebe entdeckt habe.

Was verstehst du unter Selbstmitgefühl?

Selbstmitgefühl ist, dass wir in leidvollen Situationen so einfühlsam, liebevoll und freundlich mit uns selbst sind, wie wir uns das von unserer besten Freundin wünschen. Es gibt so viel mehr leidhafte Situationen, als wir denken. Wir leiden nicht nur dann, wenn etwas Fürchterliches passiert ist, sondern es gibt die ganz alltäglichen kleinen Leiden. Wenn wir uns unsicher fühlen oder uns ärgern. Wenn wir uns schuldig fühlen, weil wir irgendetwas vermasselt haben. Wenn wir ungerecht behandelt wurden,  oder wenn wir Streit hatten. Wenn wir uns schämen, wenn wir wen anderen enttäuscht haben, oder wenn wir selbst enttäuscht wurden. Wenn wir schlecht gelaunt sind, ... die Liste ist endlos.

Besonders leiden wir, wenn wir uns selbst kritisieren und abwerten. Dieses Verhalten, mit dem wir uns selbst sehr weh tun, nimmt in den Wechseljahren oft noch zu. Frauen, die älter werden, blicken in den Spiegel und mäkeln an sich herum: Die Falten werden immer mehr – bäh. Der Bauch ist grauslich, um Himmels Willen, die Cellulite! Von den zwei bis fünf Kilos mehr auf der Waage ganz zu schweigen: Soooo fett!!!! Jedes Mal, wenn wir uns so sehen und so mit uns reden, fügen wir uns Schmerz zu.

Und dann kommt noch dazu, dass wir auf der psychischen Ebene vielleicht nicht so funktionieren, wie wir das gewohnt sind: Wir ärgern uns schneller, sind näher am Wasser gebaut, neigen zu Depressionen, sind generell stimmungsmäßig unausgeglichener. Auch dafür tadeln wir uns und machen daher alles noch schlimmer. Schließlich leiden wir wegen der steigenden Unkonzentriertheit und sehen uns schon als Alzheimerpatientinnen. Wir werfen uns vor, dass wir nicht belastbar sind, weil wir uns so schnell überfordert fühlen. Wir schimpfen uns für unsere Erschöpfung.

In all diesen Situationen brauchen wir Mitgefühl. Wann immer wir merken, wir fühlen uns schlecht, ist es notwendig – ja, es wendet unsere Not, dass wir innehalten, uns bewusst machen, dass wir gerade leiden und uns selbst in den Arm nehmen, uns gut zureden und uns trösten. So wie wir es uns eben von unserer besten Freundin wünschen würden.

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Im nächsten Teil auf unserem Blog erklärt uns Dr. Angela Tichy, die Schritte zu einer liebevolleren Selbstbeziehung, bzw. wie man freundlicher zu sich selbst sein kann und wie man lernt, sich selbst anzunehmen.

 

Atemtherapeutin Dr. Angela Tichy 
www.rebirthing.co.at

 

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