Sind wir wirklich zu alt dafür? Warum Frauen ab 40 sich plötzlich unsichtbar fühlen

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Sind wir wirklich zu alt dafür? Warum Frauen ab 40 sich plötzlich unsichtbar fühlen

Dieser Beitrag ist der erste Teil unserer Reihe zum Thema Positives Altern. Hier gelangst du zum zweiten Teil: Positive Aging - das Geheimnis erfolgreichen Alterns

Was haben wir alle gemeinsam? Wir werden älter. Was noch? Wir mögen es nicht sonderlich. Gerade für Frauen ist das Älterwerden oft ein schwieriges Thema. Warum ist das eigentlich so? Und gibt es eine Möglichkeit, dem Älterwerden gelassener entgegenzuschauen? Es vielleicht sogar freudig willkommen zu heißen? In einer Zeit, in der die Lebenserwartung immer weiter ansteigt, erhoffen wir uns schließlich auch im hohen Alter unser Leben noch genießen zu können.

Fakt ist – ein positiver Blick in die Zukunft wirkt sich ebenso positiv auf unsere Gesundheit aus. Das ist mittlerweile mehrfach wissenschaftlich belegt. Menschen, die dem Altern positiv gegenüberstehen, sind im Alter fitter, schneiden besser bei Gedächtnistests ab, sie erholen sich schneller von Krankheiten und leben länger. Laut einer Studie der Yale Universität sogar ganze 7.5 Jahre.

Doch warum fällt es uns trotzdem so schwer, zu akzeptieren, dass wir jedes Jahr ein wenig älter werden?

Ageism oder Altersdiskriminierung

Altern ist unvermeidbar. Die Frage ist, wie wir damit umgehen.
Wie wir den Prozess des Alterns wahrnehmen, ist von vielerlei Einflüsse geprägt, die je nach Kultur und Gesellschaftssystem ganz unterschiedlich ausfallen können.
In unseren westlichen Kulturen ist Ageism (= Altersdiskriminierung) also eine negative, stigmatisierte Haltung gegenüber „älteren“ Menschen besonders ausgeprägt. Damit wird das Älterwerden immer mehr wie eine Krankheit behandelt, die heilbar ist und im Zuge dessen auch jegliche natürlichen Veränderungen, wie die Wechseljahre, die das Älterwerden mit sich bringt.
Diese Haltung einer, zumindest scheinbar ganzen Gesellschaft, hat großen Einfluss auf unsere individuelle Wahrnehmung. Gegenüber anderen und uns selbst.

Ageism beeinflusst damit fast jeden Bereich unseres alltäglichen Lebens und mag die am meisten normalisierte, unauffälligste Form der Diskriminierung sein.
Laut einer Studie der Universität Kent empfinden 44,4% der Europäer Altersdiskriminierung als schwerwiegendes Problem. Ein Thema also, das mehr Aufmerksamkeit verdient.

Definition: Ageism ist die systemische Diskriminierung und die Vorurteile gegenüber Menschen aufgrund ihres (wahrgenommenen) Alters. Die WHO beschreibt die Altersdiskrimnierung als Ergebnis von Stereotypen (wie wir denken), Vorurteilen (wie wir fühlen) und Diskriminierung (wie wir uns verhalten). Altersdiskriminierung kann institutionell, interpersonell oder auch gegen uns selbst gerichtet stattfinden.

Das Unsichtbarwerden der Frau
 

Älterwerden ist für uns alle eine Herausforderung, egal unter welchen Voraussetzungen. Frauen sind jedoch stärker betroffen.
Das zeigt sich ganz offensichtlich auf dem Arbeitsmarkt: Frauen unter 45 bekommen fast doppelt so häufig eine Einladung zum Bewerbungsgespräch als Frauen, die dieses Alter überschritten haben. Für die allermeisten Frauen in Führungspositionen ist mit Anfang 50 das Ende der Aufstiegsleiter erreicht, während Männer noch mit 70 in Spitzenpositionen berufen werden.

Auch die Gagen von Hollywood Schauspielerinnen fallen ab Mitte 30 stetig, während die Männer Hollywoods im Alter von 52 am besten verdienen.

Etwas weniger offensichtlich zeigt sich die Altersdiskriminierung in der Art, wie Frauen dargestellt werden und welche Erwartungen an sie gestellt werden, sobald sie ein bestimmtes Alter erreicht haben. Meryl Streep berichtet beispielsweise in einem Interview der BBC davon, dass sie kurz auf ihren 50. Geburtstag gleich 3 Rollenangebote als Hexe angeboten bekam, wo sie zuvor noch den romantischen Lead spielen durfte. Währenddessen dürfen ihre männlichen Kollegen im gleichen Alter weiterhin den Verführer mimen – sowohl vor als auch hinter der Kamera.

Wir haben Angst vor dem Älterwerden, weil uns das patriarchale System sagt, dass wir nur wertvoll sind, wenn wir jung und schön aussehen. Das Alter fühlt sich dann an wie ein Verlust. Man wird von Männern nicht mehr so belohnt – mit Gratis-Drinks, Aufmerksamkeit, Liebe.“ – Aktivistin Brandy Butler

„Spätestens ab 40 beginnen die meisten Frauen, zu spüren, dass sie anders wahrgenommen werden. Dabei gibt es eigentlich nur einen Punkt, über den sie offen reden: den Verschwindefluch. Sie werden unsichtbar.“, sagt Baschka Mika, ehemalige taz-Chefredakteurin und Buchautorin. Dabei spricht sie nicht nur davon, dass Frauen von Männern plötzlich weniger wahrgenommen werden (was auch der Fall sein mag), sondern, dass der „Verschwindefluch“ den gesamten öffentlichen Raum betrifft. „Wenn ich im öffentlichen Raum nicht mehr wahrgenommen werde, dann hat das absolut nichts damit zu tun, ob ich sexy oder erotisch bin, sondern dann werde ich von der Gesellschaft ausgegrenzt.“, meint die Autorin weiter.

Um sich diesem "Fluch" zu entziehen versucht so manche, sich etwas länger künstlich jung zu halten. Irgendwie verständlich doch von außen meist kritisch beäugt. Wer als Frau hingegen, wie so oft zitiert - in Würde - altern will und auf Anti-Falten-Creme oder Botox verzichtet, wird auch nicht so recht akzeptiert. So macht es oftmals den Eindruck, dass wenn von der „Würde“ des Alterns gesprochen wird, eigentlich gemeint ist - halte dich so jung wie möglich, aber lass' dir den Aufwand nicht ansehen.

Gerade Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, werden diesbezüglich besonders kritisiert.
Bloß nicht so werden wie Madonna, heißt es da oft, so Christina Focken in ihrem Artikel zum würdevollen Altern in der taz. Die mittlerweile Ü-60 Popsängerin, diene immer wieder als Negativbeispiel dafür, wie eine Frau würdelos altere. So finden sich nicht wenige Kommentare darüber, dass sie zu muskulös, zu sexy sei und es nicht mehr altersgemäß, wie sie ihren Körper präsentiere.
Focken betont, dass es eigentlich unmöglich sei, es der Gesellschaft recht zu machen. Für Frauen käme nämlich noch der Sexismus hinzu, was uns generell in ein ambivalentes Verhältnis stellen würde. Sie schreibt dazu weiter:
"In Würde altern funktioniert nicht, wenn wir nicht von jeher mit Würde behandelt werden. Aber genau das ist der Fall. Frauen werden nicht erst im Alter in der letzten Reihe platziert."

Wir alle haben also das Diktat einer Gesellschaft verinnerlicht, in der Frau nicht alt sein soll. Wodurch wir nicht selten eine ebenso negative Haltung unserem zukünftigen Ich gegenüber einnehmen. Es ist nicht leicht, sich diesem Diktat zu entziehen, wer aber ewig jung bleiben will und ihm folgt, bestärkt vorhandene Strukturen. Um überhaupt etwas ändern zu können, müssen wir uns daher dieser Strukturen überhaupt erst bewusst werden.

Sind wir wirklich zu alt dafür?

Älterwerden ist natürlich keineswegs nur positiv. Aber welche Zeit im Leben ist das schon? Im Rückblick mögen wir einiges verklären und uns die Zeit als Mittzwanziger zurückwünschen. Doch war da wirklich alles besser? Ist es nicht letztlich auch unsere Einstellung, die wir gegenüber dem Leben einnehmen, die darüber bestimmt, wie wir uns fühlen? Egal zu welchem Zeitpunkt? Wir können dem Alter schließlich nicht ausweichen - warum es nicht einfach akzeptieren? Wenn wir gut für uns sorgen und die Dinge in unser Leben holen, die gut für uns sind, sind das Alter und der Zeitpunkt letztlich irrelevant. Und wenn man sich mit 60 die Haare grün färben will - wieso denn nicht? Letztlich hindern uns all die Erwartungshaltungen, die Denkmuster, die tief in uns verankert sind, daran, einfach zu tun, was wir wollen und was uns glücklich macht. Wir haben nur das Jetzt und wir sollten genau das genießen und tun, wonach uns ist. Es ist schließlich unser Leben, das wir leben - also leben wir es auch für uns und für niemand anderen.

Und wer bestimmt eigentlich, ob Falten schön sind oder nicht? Wer sagt, dass frau sich ab 40 plötzlich verhüllen muss? Wer sagt, dass die Wechseljahre eine Art Krankheit sind, über die man besser nicht spricht?

 

“Mit meinem Alter habe ich kein Problem, ich bin gerne über 50. Doch ich möchte in keine Schublade gesteckt werden, die auch noch dreimal zugeschlossen wird.” - Claudia Steinlein (Glam up your lifestyle)

Was braucht es, damit Frauen ihre innere Stärke finden?

Model Paulina Porizkova hat sich im Alter von 56 Jahren auf der tschechischen Vogue im durchsichtigen Body ablichten lassen und will sich dafür einsetzen, dass Frauen auch in ihren 40ern und 50ern weiterhin als attraktiv wahrgenommen werden, dass sie überhaupt wahrgenommen werden. Auf die Frage hin, wie es für sie war, dass das Cover so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, meinte das Model: “Zum Glück hat es das. Wo wir gerade vom Unsichtbarsein von Frauen dieses Alters sprechen… was ein Glück, hat dieses Cover Aufmerksamkeit erzeugt." Unter den Hashtags #bestager oder #proaging finden sich eine Reihe Frauen in den Sozialen Medien, die sich gegenseitig bestärken, inspirieren und das Älterwerden genauso feiern wie das Leben an sich.

Es liegt an uns allen, die Strukturen und unser eigenes Denken nach und nach zu verändern. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen.

Aktivistin Brandy Butler meint, man müsse versuchen, all die Eindrücke und Meinungen von außen auszublenden und seine eigenen Erfahrungen dem entgegensetzen. Dies ginge nur durch regelmäßiges Üben. Ihr helfen Mantren, welche sie in der Wohnung aufhängt, auf denen so etwas steht wie ‚I‘m happy with who I am right now.‘ Man müsse sich selbst bestärken, nicht zulassen, dass einen die Welt bewertet. Außerdem bräuchte es eine Gesellschaft von Menschen, die sich als Frauen identifizieren und füreinander einstehen. „Wir müssen uns und alle Arten von Frausein unterstützen. Es macht uns stärker, jedem zu erlauben, an dieser Bewegung teilzuhaben.", sagt sie.