Sober Curiosity - Alkoholverzicht im Wechsel

Sober Curiosity - Alkoholverzicht im Wechsel

Sober Curious - nüchtern aber neugierig, so lautet ein aktueller Trend, alkoholfrei aber ohne Verzicht. Immer mehr Menschen stellen momentan den Verzicht auf alkoholische Getränke in den Mittelpunkt eines gesunden Lebensstils. Sober Curiosity ist mehr als nur Trend. Es ist eine lebensbejahende Bewegung, in der es um die Fitness, Reinheit und Klarheit von Körper und Geist geht. So die Beschreibungen im Netz.

Alkoholabstinenz wird zum hippen Statement. Keinesfalls ein gänzlich neuer Trend. Was sich in den achtziger und neunziger Jahren noch in Nischen unter dem Namen "Straight Edge" befand, rückt nun langsam in die Mitte der Gesellschaft. Doch was genau steckt dahinter?

"Es gibt immer einen Grund anzustoßen."

Von gesellschaftlichem Druck und Tradition
Gerade in Österreich ist Alkohol fester Bestandteil der Kultur. Der "Spirit" umgibt uns überall - in der Popkultur, im Fernsehen, bei der After-Work-Session, sowie jeglichen Festlichkeiten. Ein Glaserl Wein ist immer dabei. Alkohol ist eben Tradition, gehört dazu. Irgendwie gibt es auch immer einen Grund zu trinken. Welchen eigentlich?

"Wir trinken, um den Moment zu genießen, um den Wert des Moments zu erhöhen", meint Isabella Steiner, die in Berlin einen 0%-Laden betreibt, in dem es Spirituosen ganz ohne Alkohol zu kaufen gibt.

Doch ist "den Moment zu genießen" wirklich der ausschlaggebende Grund? Wird der Moment durch Alkohol besser? Schließlich benebelt alkohol eher die Sinne, als dass er sie schärft. Die Sober Curiosity hinterfragt genau dieses Statement und will die eigentlichen Beweggründe für den Konsum aufdecken.
Ein Grund, der noch zu nennen wäre, ist die Regulierung von Emotionen. Ob es Hemmungen sind, die fallen sollen, die Trauer um eine in die Brüche gegangene Beziehung oder einfach, um nach einem langen Tag als Mama abzuschalten. Letzteres findet sich zum Beispiel unter dem Hashtag "winemom", der immerhin mehrere Zehntausend Einträge auf Instagram erhält und somit ganz offensichtlich einen Nerv trifft. Wohl auch wegen der steigenden Ansprüche an (junge) Mütter. Das spiegeln auch die Zahlen wider: Seit den 2000ern ist der Alkoholkonsum unter Frauen stark gestiegen. Heute geben rund 58% mehr Frauen an, mindestens an 4 Tagen in der Woche zu trinken, als noch vor 20 Jahren.

Dann wäre da noch der gesellschaftliche Druck, denn - wer nicht trinkt, wird schief angesehen, muss sich rechtfertigen. Meistens treten wir mit Alkohol schon sehr früh in unserem Leben in Kontakt, ob innerhalb der Familie oder später beim ersten Bier im Freundeskreis. Gerade der Kontakt in jungen Jahren führt zu einer Normalisierung von Alkohol, die das Bewusstsein dafür, was er eigentlich ist und macht, in den Hintergrund stellt.

Brauchen wir Alkohol, um Spaß zu haben?

Die Sober Curiosity Bewegung entstand unter anderem deshalb - um dieser "vernebelten" Gesellschaft entgegenzutreten. Der Trend soll vor allem das Nüchtern-Bleiben neu definieren und auf die negativen Seiten des Alkoholkonsums aufmerksam machen. Das Gefühl in der Gemeinschaft eine gute Zeit zu haben, kann man schließlich durchaus auch ohne Alkohol. Vielleicht sogar besser.

Es kann sinnvoll sein, sich einmal die Frage zu stellen, wozu man Alkohol überhaupt braucht. Was macht der Alkohol mit uns, was wir ohne nicht erreichen können und warum können wir das Gleiche nüchtern nicht erreichen?

Warum (regelmäßiger) Alkoholverzicht gut ist

Um bei der Sober Curiosity mitzumachen und die positiven Auswirkungen des Trends zu erleben, muss man natürlich nicht gleich völlig dem Alkohol entsagen. Bereits die Abkehr von regelmäßigem Alkoholkonsum wirkt sich schon deutlich auf die Lebensqualität und Gesundheit aus. Gerade in den Wechseljahren, wo der Körper sowieso mit einem großen Umbau belastet ist, empfiehlt es sich, den Alkohol zu reduzieren.

Zunächst einmal - was ist Alkohol eigentlich genau?
"Alkohol an sich ist ein Zellgift, Ethanol, etwas wie Benzin. So schön verpackt er auch sein kann. Das muss jeder Konsumentin klar sein.", schreibt Autorin Ursula Gaise bei lemondays. Daher gibt es auch keinen "risikolosen" Konsum. Laut WHO steigt das Risiko für schwere Erkrankungen bereits bei geringem (regelmäßigem) Konsum.

Was passiert, wenn du nüchtern bleibst

Deine Schlafqualität verbessert sich
Vielleicht hast du schon mal das ein oder andere Glas getrunken, um die nötige Bettschwere zu erreichen. Und tatsächlich - der Alkohol setzt die Hirntätigkeit herab, sodass die Gedanken nicht mehr endlos kreisen und sich der Stress des Tages leichter vergessen lässt. Alkoholisiert schläft man also wirklich schneller ein. Doch es folgt das große Aber: Der Schlaf wird unruhiger und weniger erholsam. Grund dafür sind eine schlechtere Tiefschlafphase, häufigeres Aufwachen, ein verstärkter Harndrang und der typische "Alkoholbrband", der einen spätestens in der Früh aus dem Schlaf reißt. Frauen sind laut Studien noch anfälliger für schlechten Schlaf durch Alkohol. Der Grund: Der (biologisch) weibliche Körper ist den schädlichen Auswirkungen des Alkohols viel stärker ausgesetzt. Das liegt an einem geringeren Anteil an Körperflüssigkeit, auf die sich der Alkohol verteilt. Dadurch ist die Menge der Blutalkoholkonzentration trotz der gleichen getrunkenen Menge an Alkohol höher.

Interessant: Alkohol verändert den Tiefschlaf und die REM-Phasen negativ, sodass es sogar zu Schlafwandeln kommen kann.

Deine Schweißattacken werden weniger
Einer der Gründe, warum die Wechseljahre und Alkohol keine gute Kombination sind: Alkohol erhöht die Schweißproduktion und sorgt für zusätzliche Hitzewallungen. Das Hitzegefühl entsteht dadurch, dass sich die Blutgefäße durch den Alkohol erweitern. Das führt zu einem "Erwärmungs-Effekt", der allerdings nur eine subjektive Empfindung ist. Eigentlich entzieht Alkohol dem Körper die Wärme. Das vermehrte Schwitzen entsteht beim Abbau des Alkohols in der Leber.

Dein Hautbild verbessert sich...
Bei der Verstoffwechselung des Alkohols bildet sich ein Nebenprodukt namens Acetaldehyd, welches giftig für das Körpergewebe ist. Es führt zu einer Austrocknung und erhöht das Risiko von Hautausschlägen. Bei Alkoholabstinenz lässt kannst du vielleicht feststellen, dass sich auch deine Hautgesundheit verbessert, zum Beispiel bei Rosacea. Laut einer Studie, ist das Risiko von Rosacea bei Frauen, die regelmäßig trinken, ebenso erhöht.

...genauso wie deine psychische Gesundheit
Zwar nutzen wir den Alkohol häufig zur Regulation von Emotionen, doch diese Wirkung ist - wenn überhaupt - nur von kurzer Dauer. Das kann jeder nachvollziehen, der den psychischen Kater am Morgen nach einer durchzechten Nacht schon einmal erlebt hat. Langfristig macht regelmäßiger Alkoholkonsum sogar anfälliger für psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angstzustände. Denn der Alkohol kann das Gleichgewicht von chemischen Stoffen und Prozessen im Gehirn stören und unsere Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen beeinflussen.

Dein Krankheitsrisiko sinkt
Vor allem wichtig für Frauen in den Wechseljahren, ist das steigende Risiko von Brustkrebs. Bereits ab 10g Alkohol pro Tag, also gerade einmal ein Glas Wein mit 0,1L, erhöhen das Brustkrebsrisiko um durchschnittlich 9 Prozent. Auch für weitere Krebsarten, wie Mund-, Darm- oder Leberkrebs, ist der Alkohol häufig mitverantwortlich.

Ist man das regelmäßige Trinken gewohnt, kann es erst einmal schwer fallen, den Konsum zu reduzieren. Trotzdem sind es die gesundheitlichen Vorteile wert. Einfacher ist es, wenn man es gemeinsam mit Freund:innen oder dem/der Partner:in versucht, anderen davon erzählt und auf ähnliche, aber alkoholfreie Getränke ausweicht.

Und - Alkoholabstinenz verändert nicht nur körperlich etwas. Wissenschaftler:innen der University of Sussex wollten herausfinden, was sich bereits im Rahmen von einem Monat Alkoholabstinenz, innerhalb des "Dry January" verändert. Sie haben für eine Studie 800 Personen dazu befragt.

Bereits nach kurzer Zeit gab es Positives zu berichten:

  • 93% der Teilnehmer:innen empfanden es als Erfolgserlebnis, einen Monat auf Alkohol verzichtet zu haben,
  • Nach dem Experiment verringerten sich die Tage mit Alkoholkonsum bei den Teilnehmer:innen von durchschnittlich 4,3 auf 3,3 pro Woche.
  • 88% sparten Geld,
  • 82% dachten über ihren Alkoholkonsum nach,
  • 80% fühlten sich besser in der Kontrolle über ihr Trinken,
  • 76% erfuhren mehr darüber, wann und warum sie trinken
  • 71% meinten, dass sie kein Getränk brauchen, um sich zu amüsieren,
  • 70% berichteten, dass sich ihre Gesundheit generell verbessert hatte,
  • 71% schliefen besser,
  • 67% hatten mehr Energie,
  • 58% verloren Gewicht,
  • 57% konnten sich besser konzentrieren,
  • 54% hatten ein verbessertes Hautbild.

Und, konnte dich der Trend überzeugen? Vielleicht magst du es ja auch einmal probieren und die positiven Benefits austesten. Es kann auf jeden Fall interessant sein, die Beweggründe, warum man zum Glas greift, sowie sich selbst ein wenig zu reflektieren. Wir können außerdem aus eigener Erfahrung berichten, dass sich Spaß haben ohne Alkohol noch viel besser anfühlt.