Weiblichkeit in der Krise - Interview mit Scheidungsanwältin Mag. Braun

  • Dr. Schreibers
  • Blog
  • Weiblichkeit in der Krise - Interview mit Scheidungsanwältin Mag. Braun

Weiblichkeit in der Krise - Interview mit Scheidungsanwältin Mag. Braun

Was bedeutet für Sie Weiblichkeit?

Weiblichkeit bedeutet für mich vor allem Freiraum. Freiraum zur Selbstentfaltung und -verwirklichung. Wir Frauen dürfen so viele Rollen annehmen, die in der Gesellschaft akzeptiert sind. Zurzeit noch viele mehr als die Männer.
So können wir zum Beispiel entscheiden, ob wir Hausfrau und Mutter sind oder Karriere machen. Männer haben es da meiner Meinung nach viel schwerer, denn hier gilt noch die klassische Rollenverteilung.

Außerdem finde ich, kann auch die klassische Rolle der Frau zu ihrer Stärke werden, indem sie die Vorurteile für sich nutzt und mit den „Waffen der Frau“ etwas spielt. Wir werden immer noch oft unterschätzt, was ich gerade in meinem beruflichen Umfeld als Anwältin zu spüren bekomme.

Oft glaubt das Gegenüber, möglicherweise auch mangels Menschenkenntnis, dass sie, nur weil man nett und konstruktiv auftritt, alles mit einem machen können. Das ist aber ein Irrschluss – man ist ja nicht umsonst schon länger am Markt und selbstständig. Hier kann ich aber auch mit den verschiedenen Rollen spielen und diese Fehleinschätzung für mich nutzen.

Letztlich muss jede für sich hier ihre passende Rolle finden, wie man als Mensch wahrgenommen werden will und das kann sich durchaus auch über die Jahre immer wieder verändern.

RA. Mag. Braun hat sich auf Scheidungen spezialisiert und kennt sich mit Beziehungsfragen aus.

Wie leben Sie persönlich Ihre Weiblichkeit?

Mittlerweile trage ich sehr gerne sehr feminine Mode, einfach, weil ich es sehr gerne habe und ich möchte ja vor allem auch mir selbst gefallen. Früher habe ich eher versucht, mir diese „Uniform des Männlichen“ anzulegen, d.h. immer eher Hosenanzüge oder ein strenges Kostüm. Meiner Erfahrung nach, traut man sich, gerade wenn man älter wird, auch in dieser Hinsicht mehr zu, man muss sich nicht mehr in dieses Korsett des Männlichen zwängen.

Grundsätzlich finde ich aber, dass wir aufpassen müssen, dass wir in der Gesellschaft nicht wieder zu sehr diese Stereotypen von Mann und Frau bedienen. Wir sollten uns vielmehr in unserer Vielfalt sehen.

Schließlich sind es nicht nur unsere Geschlechtsorgane, die uns als Menschen definieren. Da ist sehr viel mehr und wir alle haben sowohl männliche als auch weibliche Anteile in uns.  

Wie glauben Sie, hat sich die Art und Weise, wie Frauen in der Gesellschaft wahrgenommen werden und, welche Rollen ihnen zugewiesen werden, über die Jahre verändert?

Viele gerade auch in meiner Branche, im Familienrecht, befürchten aktuell, dass die Entwicklung hinsichtlich der Rolle der Frau in der Gesellschaft, die wir schon durchgemacht haben, wieder sehr zurückgeht. Durch die derzeitige Krise gibt es weniger Job-Möglichkeiten und die Rolle des Mannes als „Ernährer“ wird dadurch wieder stärker. Die Frau bleibt in diesem Szenario zu Hause, auch aus der Tatsache heraus, dass Frauen meist weniger verdienen als Männer.

Gerade jetzt in der Corona Zeit, sind die Frauen eher die Verliererinnen, da es natürlich Frauen sind, die verstärkt in den betroffenen Dienstleistungssektoren arbeiten. Zudem ist es auch so, dass z.B. Home-Office etwas ist, was eher in den höheren Einkommensklassen möglich ist. Supermarktkassiererinnen bspw. können schlecht von zu Hause ausarbeiten.

Was mir wirklich ein Anliegen ist, ist, dass wir die Stereotypen der Geschlechter in der Gesellschaft aufbrechen. Die Rolle der Frau als immer lieb, brav und verständnisvoll, die uns schon seit Kindertagen gepredigt wurde – mach dich nicht schmutzig, sei brav und artig, während die Jungen wild sind.
Mit diesen Geschlechterrollen sollte gebrochen werden. Man sollte vielmehr in sich selbst hineinhören, wie man wirklich ist und was man will. Diese stereotypen Rollen sind schließlich von der Gesellschaft vorgegeben und haben sich nicht aus einem selbst heraus entwickelt.

Sie sind sehr klischeebehaftet und nicht die Wahrheit. Hier würde ich mir persönlich auch wünschen, dass junge Frauen demgegenüber ebenso kritisch sind. Wir Frauen sollten uns genauso auch mit gesellschaftsrelevanten Themen beschäftigen (dürfen), den Mut dazu haben, auch darüber zu sprechen.

Außerdem würde ich mir wünschen, dass man sich nicht mehr so einem Schönheitsdiktat unterwirft. Auch was das Altern betrifft. Es wird ja so oft gesagt – die Schönheit ist das Kapital der (jungen) Frau. Was ist das eigentlich eine schlechte Eigen-PR von uns Frauen?

Dabei sind doch gerade eine gewisse Gelassenheit und Selbstbewusstsein irrsinnig sexy. Wie viele Frauen gibt es, die das überhaupt nicht haben. Was nützt der schöne Körper, wenn man sich darüber selbst nicht bewusst ist?

Ich persönlich blicke all diesen Veränderung positiv entgegen. Ich habe bewusst die Entscheidung getroffen, nur ein Kind zu bekommen und nun, wenn ich dann im Wechsel bin und keine mehr bekommen kann, ist das eben einfach der Lauf der Dinge. Irgendwo ist es doch auch etwas Befreiendes, man kann die Sexualität z.B. doch noch viel besser genießen.

Ich wünsche mir einfach prinzipiell mehr Diversität in der Gesellschaft. 


                                "Wenn's einer nicht ist, ist er’s nicht."

Sie haben sich auf Scheidungen spezialisiert, wie wirken sich Krisenzeiten, wie z.B. aktuell Corona, ihrer Erfahrung nach, auf die Partnerschaft aus? Und wie kann man diese gemeinsam überstehen?

Hier zeigt sich um eines mehr, dass Eigenschaften wie Humor, Respekt und sich selbst und das Leben nicht so ernst nehmen extrem wichtig sind. Gerade zu solchen Krisenzeiten, in denen die Nerven oft blank liegen und man vielleicht auch viel mehr als sonst gemeinsam daheim ist, ist es wichtig, dass man nicht jedes Wort des anderen auf die Waagschale legt und entspannt miteinander umgeht. Humor ist da definitiv überlebenswichtig.

Nur wenn einer es nicht ist, ist er’s nicht ;-)

Wenn man durch solch eine Krise nun mal von dem ganzen Äußeren abgeschottet ist, kann es natürlich aber auch etwas Positives sein.
Man ist letztlich mit der Frage konfrontiert, ob der Partner, mit dem man die jetzige Ausgangsbeschränkung überstehen muss, derjenige ist, mit dem man die nächste auch überstehen will.


Sorgen die Wechseljahre für Probleme in der Partnerschaft?

Naja alles, was im Wechsel ist, ist in der Veränderung und sobald sich etwas in uns ändert, ändert sich natürlich auch etwas in der Beziehung. Manchmal zeigt sich dann eben auch, dass die Partnerschaft nicht mehr so passt wie vorher. Oft entwickelt man sich einfach in verschiedene Richtungen und hat unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man die Zukunft gestalten möchte.

Ich finde aber auch, eine Veränderung hat immer das Potenzial für etwas Neues und das ist durchaus positiv. Natürlich wächst man als Frau in dieser Zeit. Eine Beziehung ist ebenso nichts Statisches. Es kann sich alles von heute auf morgen verändern. Das gilt aber genauso auch für das Single-Leben. Alles ist immer im Wandel.

Man sollte hier eben gemeinsam schauen, wie man sich die Zukunft vorstellt.

Oft ist es natürlich auch so, dass sich bereits einer aus der Beziehung innerlich verabschiedet hat und auf der Suche nach jemand neuem ist, da muss man eben für sich abwägen, ob man sich und dem anderen das antun möchte.


"Die goldene Regel für eine funktionierende Partnerschaft? Gemeinsames Lachen, Gelassenheit und Selbstbewusstsein!"

Wie kann man in einer Partnerschaft wachsen, wenn (äußere) Veränderungen auch viele neue persönliche Fragen und Wünsche mit sich bringen?

Sich fragen – wollen wir überhaupt noch miteinander sein oder getrennte Wege gehen. Für viele Frauen ist dieses Alter auch ein Scheidungsalter, worüber ich bereits in unserem ersten gemeinsamen Beitrag gesprochen habe.

Es kommen eben zu diesem Zeitpunkt häufig Fragen danach auf, was die Beziehung (noch) ausmacht. Viele Frauen entscheiden sich auch dafür erst einmal alleine zu sein und die Zeit ganz für sich zu nutzen. Man war all die Jahre für Mann und Kinder da und nun möchte man vielleicht einfach mal nur für sich da sein. Ob man nun eine Weiterbildung macht und einen völlig neuen Weg einschlägt oder auch nur mehr Freizeit für sich haben möchte, vielleicht den Fokus auf Freundschaften legt.

Doch auch hier muss ich als Anwältin immer darauf hinweisen, dass es wichtig ist, finanziell abgesichert und unabhängig zu sein. Ein Einkommen reicht meist nicht für den Erhalt zweier Haushalte. Daher sollte man daran besser frühzeitig denken und uns der Konsequenzen unserer Entscheidungen bewusst sein.

Wenn man jahrelang aus dem Arbeitsleben heraus ist, ist ein Wiedereinstieg mit 50 natürlich schwieriger. Man sollte also früh genug genau abwägen, was man möchte, denn das bedeutet auch ein großes Stück Freiheit. Man ist eben für sich selbst und die eigenen Entscheidungen verantwortlich und irgendwann ist man dann nicht mehr so frei wie vorher.

Nun bin ich als Anwältin eben auch immer sofort in Gedanken bei den Risikofaktoren, was alles passieren könnte.
Klar, ist vieles im Leben unsicher und das macht es ja auch spannend. Man sollte daher einfach ein paar „Pfeiler“ im Leben haben, die einem nicht so leicht wegbrechen kann.
Was können wir genau steuern? Nun, wir können z.B. auf unsere Gesundheit Einfluss nehmen, für Körper und Geist, wir können in unsere Unabhängigkeit durch Ausbildung, Wissenserweiterung und Ausbildung investieren, das auch noch später im Leben und bewusst Entscheidungen treffen.
Vor allem die finanzielle Absicherung, ist meiner Meinung nach sehr wichtig, denn später kann es ohne schwierig werden, wenn man sich trennen will.

Ich würde also allen Frauen empfehlen – konzentriere dich auf deine eigene innere Kraft!


Gibt es eine goldene Regel, die Sie persönlich für eine gut funktionierende Partnerschaft empfehlen würden?

Ja also definitiv gemeinsames Lachen, Gelassenheit und ein Selbstbewusstsein. Das, woran die meisten Partnerschaften scheitern, sind Defizite. Häufig wird sich verliebt, weil man denkt, der andere würde einen vervollständigen – doch es bleibt immer die Selbstunsicherheit. Es gehört also eine gewisse Reife, genauso wie Vertrauen in sich selbst und den Anderen zu einer funktionierenden Beziehung. Dann kann man auch miteinander alt werden.

 

Mag. Katharina Braun
Hahngasse 17
1090 Wien
E: office(at)rechtsanwaeltin-braun.at

 www.rechtsanwaeltin-braun.at