Die Wechseljahre als Chance zur Heilung - im Gespräch mit Verena Gehrig

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Die Wechseljahre als Chance zur Heilung - im Gespräch mit Verena Gehrig

Liebe Verena, wie immer stellen wir zu Beginn die Frage: Was bedeutet Weiblichkeit für dich?

Weiblichkeit ist für mich etwas, was sich immer wieder neu definiert. Mit Mitte 20 war es etwas ganz anderes als jetzt mit gut 60 und einer Enkelin, wo sich meine Rolle nochmal völlig neu definiert. Eigentlich bin ich immer wieder auf der Suche danach, was sie für mich bedeutet, je nach Alter.

Früher war Frausein und Weiblichkeit eher etwas schwieriges, weil ich sie viel über die Meinung anderer, im Außen definiert habe. Wenn Männer auf mich zukamen und ich Chancen hatte, fühlte ich mich sehr weiblich. Umgekehrt aber auch weniger, wenn ich keine hatte.
Eine “weibliche” Rolle einzunehmen, fiel mir auch lange schwer, weil ich Weiblichkeit damals mit Schwäche assoziiert habe. Ich wollte zum Beispiel immer anders sein als meine Mutter, da die “weibliche” Rolle, die sie hatte, an Abhängigkeit geknüpft war. Daher bin ich aus meiner eigenen Weiblichkeit lange etwas heraus gekippt und sehr ins Machen gegangen, habe eher meinen männlichen Anteil gelebt.

Meine Weiblichkeit entwickelt sich für mich also immer neu, ich entdecke sie immer mehr und habe auch mehr Freude daran, je älter ich werde. Allgemein stehe ich mehr zu mir und finde mich immer mehr gut, je älter ich werde. 

© Verena Gehrig

Wie hast du die Wechseljahre denn erlebt? 

Ganz ehrlich? Die totale Katastrophe. Ohne, dass ich das zunächst mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht habe. Mit 50 habe ich mich ganz ehrlich gesagt, total an die Wand gefahren. Ich hatte ein Burnout,  starke Rückenprobleme, mir ging es wirklich nicht gut. Ich habe das aber lange, bis zum Zusammenbruch, nicht zulassen können. Mein Leben war bis dahin definiert von “ich bin die Starke, ich muss es schaffen”, immer mit einem Lächeln, egal wie es mir ging. Ich habe alles, was so passierte in meinem Leben, auf die Seite geschoben. 

Zu dem Zeitpunkt war ich auch bereits vom Vater meiner Kinder getrennt und da kam dieses “ich muss stark sein” und das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein, noch viel mehr zum Zug. Natürlich war für mich das Burnout dann die absolute Katastrophe. Plötzlich riss es mich heraus und ich hatte das Gefühl, ich bin nur noch schwach und falle ins Bodenlose.
Ich konnte das am Anfang gar nicht annehmen. Im Rückblick war all das meine größte Chance, um wieder zu mir zu finden, einen anderen Weg einzuschlagen. Heute sehe ich es auch als Chance, dass ich es, auch wenn das jetzt dramatisch klingen mag, überlebt habe. 

Mir hat damals niemand gesagt, dass das auch die Wechseljahre sind und auf was ich schauen muss. Im Nachhinein muss ich sagen, es ist eine radikale Zeit, die nach Veränderung schreit. Immer auch abhängig davon, wie die erste Lebenshälfte aussieht. Wenn man alles immer auf die Seite schiebt, dann meldet sich irgendwann der Körper. Das ist etwas, was ich nicht nur bei mir, sondern auch bei Freundinnen und Klientinnen sehe. Für mich war der Körper in dieser Zeit mein Feind, aber heute sehe ich, dass die Seele sich eben über den Körper meldet und eigentlich ist es sehr wichtig, dass ich auf ihn höre.

“Ich hatte vorher immer darauf gewartet, dass sich im Außen etwas ändert und dann habe ich gelernt, dass ich bei mir nach Innen gehen muss. Ich habe gelernt, dass ich die Schöpferin meines Lebens bin, nicht das Opfer.”

Mit der Erfahrung bist du ja tatsächlich nicht allein. Wie schafft man es denn wieder aus solch einer Krise heraus?

Ich habe sehr intensiv hingeschaut. Ich war in einer Burnout-Klink, hatte Zeit, mich nur um mich zu kümmern. Dann kamen auch ganz andere Gedanken. Ich habe einfach gemerkt, dass ich bestimmte Glaubenssätze habe, dass ich mein Mindset ändern muss. Danach habe ich die Ausbildung zum Visionscoach nach Pierre Franckh gemacht und die Ausbildung zur Transformationstherapeutin nach Robert Betz und die hat mir enorm geholfen. Das war für mich ein kompletter Gamechanger, da ich völlig neue Blickwinkel für mich entdeckt habe. Ich habe das aber alles nicht gemacht, um Coach zu werden, das hat sich dann irgendwie so ergeben. Ich habe das wirklich zunächst nur für mich gemacht. Das war für mich der Weg aus diesem Tief, aus diesen gesundheitlichen Krisen heraus. 

Ich hatte vorher immer darauf gewartet, dass sich im Außen etwas ändert und dort habe ich dann gelernt, dass ich bei mir nach Innen gehen muss. Ich habe gelernt, dass ich die Schöpferin meines Lebens bin, nicht das Opfer. Ich habe viel Kampf aus allem herausgenommen, viel Kampf auch mit mir selbst.

Vor kurzem hast du auch einen Beitrag im Bezug zum inneren Kind auf deinem Blog geschrieben. Dieses Thema hat wohl auch eine große Rolle in deinem Wandel und deiner Ausbildung gespielt. Wie kann man das genau verstehen?

Also zu diesem inneren Kind bin ich tatsächlich erst in der Ausbildung bei Robert Betz mit Mitte 50 gekommen. Das war für mich total neu. Ich hatte bis dahin eine sehr komplizierte Beziehung zu meinen Eltern. Einerseits war sie sehr liebevoll, andererseits aber auch mit vielen negativen Gefühlen meinen Eltern gegenüber. Ich habe eigentlich immer darauf gewartet, dass sie mal auf mich zugehen. Wie ein kleines Kind, das darauf wartet, dass es endlich gesehen und geliebt wird. So habe ich die Liebe immer im Außen gesucht und nicht gemerkt, dass ich mittlerweile aber erwachsen geworden war und selbst für mich und mein inneres Kind verantwortlich. Das ist ein Weg, der keinesfalls leicht ist und für jede etwas anderes bedeutet. Den Zugang zu meinem inneren Kind zu finden, war für mich sehr schwierig und hatte zunächst viel mit Ablehnung zu tun. Zum Glück habe ich das nicht alleine machen müssen, sondern wurde durch diesen Prozess durchgeführt. So konnte ich auch in den Frieden mit meinen Eltern kommen, was für mich ein absolutes Tor in die Freiheit war

Hier kannst du Verenas Beitrag lesen: "Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit."

Wie findet man denn den Zugang zu seinem inneren Kind? 

Den Zugang dazu, was das innere Kind vielleicht mitteilen möchte, was es gelernt hat und auch welche Entscheidungen es vielleicht mitbestimmt, findet man über meditations-ähnliche Sitzungen, die in die Tiefe der Gefühle gehen. Jedes Gefühl, das man hat, drückt sich auch irgendwo im Körper aus und in dieses Gefühl geht man in den Sitzungen schrittweise immer weiter rein. Dann geht es um Heilung, wo sich in den Meditationen vielleicht auch zeigt, was in der Kindheit vielleicht schlimm war. Das mag uns heute aus der Erwachsenen Sicht nicht schlimm erscheinen, war aber für das Kind vielleicht so. Hier sollte man nicht bewerten, sondern die Situationen erkennen und das Ganze auflösen.

Sich all das anzuschauen ist ein sehr verantwortungsvoller Weg, ein Weg, der immer bei sich im Inneren stattfindet und auch alle Beziehungen sehr entlastet. Denn meistens suchen wir die Nährung dieses Kindes, die Liebe, die es braucht nur im Außen, wir können uns aber nur selbst geben, was wir brauchen. Wenn wir aufhören, die Liebe nur im Außen zu suchen und sie uns stattdessen selbst geben, verändert sich automatisch auch das Außen. Wenn wir damit aufhören, dieses Brauchen in die Beziehung zu bringen, verändert sich die Beziehung. So hat das innere Kind letztlich Auswirkungen auf alles. 

Es geht also auch darum, bestimmte Mechanismen oder Themen zu erkennen, die in der Kindheit vielleicht schon entstanden sind, uns geprägt haben, die wir aber bis ins Erwachsenenalter mit uns tragen?

Ja, ein Beispiel hier wäre, wenn du als Kind gelernt hast, dass du viel tun musst, um geliebt zu werden. Du musstest zum Beispiel gute Noten nach Hause bringen, um Anerkennung und Liebe zu bekommen. Das Kind lernt das vielleicht nicht bewusst, aber innerlich heißt es “ich bin nicht liebenswert, ohne das ich ganz viel tu’”. Dann tu ich eben ganz viel als Kind, strenge mich besonders an und das trägt sich dann bis ins Erwachsenenleben. Denn als Kind ist man ja auf die Liebe und Zuneigung angewiesen. Man braucht sie, sonst geht man ein.

Als Erwachsene hast du dann das Gefühl, dass es immer noch so ist. Dabei bist du ja nicht mehr abhängig, wie ein Kind, sondern für dich selbst verantwortlich. Du kannst für dich sorgen. Und trotzdem bist du noch so am strugglen oder suchst eben die Liebe im Außen, beispielsweise in einer Partnerschaft. Man hat dann auch hier nie das Gefühl, liebenswert zu sein, so wie man ist und man fällt wieder in das Muster, so viel tun zu müssen.

Das führt nicht zu der Beziehung, wie man sie sich wünscht, weil es so nie genug sein kann und es nie um dich selbst geht. Diese Anstrengung führt immer weiter, bis du den Zusammenhang erkennst und den Glaubenssatz lösen und zu “ich bin genug, wie ich bin” ändern kannst.

Das ist für jemanden, der noch sehr neu in diesem Thema ist, natürlich erst einmal recht viel. Wie kann man das nun angehen, wenn man bestimmte Glaubenssätze oder Verhaltensmuster erkannt hat? Was kann man konkret ändern?

Tatsächlich ist das Persönlichkeitsentwicklung. Selbstvertrauen zu finden, ein Selbstbild auszubilden, herauszufinden, wer bin ich überhaupt und wer möchte ich sein. Und dann auch tun, was dem inneren Kind auch Spaß macht. Ich erlebe zum Beispiel das innere Kind nochmal ganz neu mit meiner Enkeltochter, weil ich hier dieses Pure eben sehe. Denn was ist schließlich der Ursprung jedes Menschen? So ein kleines Kind, das alles neu entdecken und lernen will, das voller Neugierde steckt, das in einem Moment total traurig und wütend ist und im nächsten so fröhlich sein kann. All dieses Echte, das liegt alles auch in uns, nur unter vielen Schichten von unverheilten Verletzungen, Dingen, die wir verdrängt haben. Es ist also ganz wichtig, sich all das anzuschauen. 

Natürlich muss man aber auch nicht die ganze Zeit in diesem Drama wühlen. Es geht darum, zu erkennen und zu verstehen, nicht ewig in diesen Gefühlen zu bleiben. Dann sollte man sich nach vorne gerichtet überlegen, wie man die Gefühls- und Verhaltensmuster drehen kann, nachdem man sie erkannt hat.

Die Glaubenssätze sind aber nicht immer leicht zu erkennen, es sind viele blinde Flecken, die uns gar nicht bewusst sind. Ich merke das häufig bei meinen Klientinnen. Ich hatte zum Beispiel eine sehr attraktive Frau bei mir, die darunter litt, dass sie keinen Mann findet. Sie hatte das Gefühl, sie sei eine “Frau auf den zweiten Blick”. Was natürlich überhaupt nicht stimmte, aber so war ihre Wahrnehmung. Ihr wurde das wohl so gesagt, als sie sich mit 14 sehr in einen Jungen verliebt hatte. Er sagte ihr diesen Satz und der blieb hängen, sie hat es nie hinterfragt. Das ist bei vielen von uns so. Wir haben viele solcher blinden Flecken, die uns gar nicht bewusst sind.  

Dieses Bewusstwerden ist allerdings etwas, das Zeit und Übung braucht.

Ein Prozess also.

Ja, definitiv.

Mein inneres Kind ist mittlerweile erwachsen geworden, wobei zwischendurch auch mal das ganz kleine Mädchen in mir auftaucht. Seit ich den Zugang dazu gefunden habe, geht es mir auch immer besser. 

Für mich bedeutete all das zu entdecken eine ganz große Heilung. Letztlich ist es auch das, was die Wechseljahre für mich bedeuten - Heilung von Körper und Geist. Das äußert sich bei jeder Frau anders, aber hier kann viel Heilung stattfinden, wenn man es zulässt. Der Körper rüttelt dabei so unsanft an einem, dass man gar nicht groß wegschauen kann.

                  “Krisen sind Chancen, sagt man, aber ich denke es kann einfacher gehen.”

Also kann man die Wechseljahre eigentlich als Chance sehen?

Ja, sie werden ja ganz unterschiedlich gesehen. Von “da muss man durch, das ist einfach so” über “da ist gar nichts”, bis hin zu “oh gott, das ist das Schlimmste überhaupt”. Es hat immer mit dem Blickwinkel zu tun. Ich hätte mir gewünscht, ich hätte von all dem schon vorher gehört, denn es braucht eigentlich nicht unbedingt all diese tiefen Krisen. Auch wenn ich froh bin, über das, was ich erlebt habe, da es mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin.

Ich wünsche mir allgemein mehr die Auseinandersetzung mit allen Aspekten des Wechsels, nicht nur den körperlichen. Denn im Wechsel passiert mehr als nur die Hormonumstellung. Ich denke, dass das Burnout so nie passiert wäre, wenn ich vorher nicht so gelebt hätte, wie ich es habe. Denn wenn die Hormonumstellung kommt und du sowieso unter Dauerstress stehst, ist das für den Körper ebenfalls purer Stress, da sich alles vervielfacht. Also klar, es ist eine Hormonumstellung, bei der auch Beschwerden entstehen. Gleichzeitig geht es aber auch in den Wechseljahren aber auch darum, wie der Name schon sagt, dass man hinschauen und gegebenenfalls etwas verändern sollte. Der Körper zeigt auch, was man generell braucht. Wenn ich ständig gereizt bin, dann heißt das vielleicht auch, dass ich Grenzen setzen und auch mal Nein sagen darf. Also ist einfach ein umfangreicherer Blick wichtig.

Für mich hat einfach alles einen tieferen Sinn. Ich glaube nicht, dass das einfach sinnlose Zeiten sind, zur Strafe der Frau. Bei mir war es nur so heftig, weil ich eben nie hingeschaut habe. 

Hast du sonst etwas, was du Frauen im Wechsel mitgeben möchtest? 

Also, ich möchte keine Werbung machen, aber ich muss sagen, ich habe immer einen Coach an meiner Seite. Ich möchte es mir einfach nicht mehr so schwer machen, ich möchte nicht mehr in solche tiefen Krisen rutschen, bis ich endlich etwas ändere. Krisen sind Chancen, sagt man, aber ich denke es kann einfacher gehen.

Ich würde mir Hilfe holen. Auch bei körperlichen Beschwerden vielleicht einen Heilpraktiker hinzunehmen, nicht nur den Arzt oder wenn, dann sich auch trauen, wirklich dort einmal nachzufragen. Sehr auf den eigenen Körper hören, die Ruhe geben und sich Zeit nehmen, für diese Veränderungen. Auch Trauerarbeit kann dazugehören, sich im Loslassen zu üben, beispielsweise von Kindern. 

Es geht, glaube ich, einfach schneller, wenn jemand da ist, der die blinden Flecken sieht. Bei mir war das auf jeden Fall so, denn mir war vieles einfach total unbewusst.

© Verena Gehrig

Du bietest auch solche Online Programme an?

Ja, ich habe bisher immer vor Ort gearbeitet, aber der Lockdown hat mir dann eine völlig neue Richtung gegeben. Ich habe das einfach als eine neue Chance genommen. Ich bin selbst auch in Coaching Programmen mit anderen Frauen und sehe, welche große Bereicherung das ist.

Gerade bin ich dabei, ein Online Programm zu entwickeln, das für mehrere Frauen und über 6 Monate angeboten werden wird. Der Vorteil hier ist, dass man keine großen Abstände zwischen den Terminen hat, sondern über eine lange Zeit mit mir als Coach in Einzel- oder Gruppencoachings begleitet wird. Dazu gehört auch Material, was man dann alleine umsetzen kann. Ich biete das für Frauen an, die wirklich auch Veränderung wünschen und etwas dafür tun wollen.

Momentan biete ich auch Monatsprogramme online an, für einzelne Frauen zu genau ihrem Thema. Das kann ganz unterschiedliche, individuelle Themen betreffen.

Mehr zu Verena und ihrem Angebot findest du hier:

https://www.verenagehrig-coaching.ch
www.instagram.com/verenagehrigcoaching/