"Durch den Rauch” - Per fumum

"Durch den Rauch” - Per fumum

Klimawechselbotschafterin Gerit

Wenn unsere nomadischen Vorfahren am Ende des Tages ihren Rastplatz für die Nacht erreichten, wurde als erstes ein Feuer entzündet. Feuer gibt Licht, Wärme und Sicherheit, hält es doch wilde Tiere fern, in deren Zuhause man womöglich eingedrungen war. Doch das Feuer war nicht nur von praktischem Nutzen: Der Anblick eines Feuers im Dunkeln lässt die Seele zur Ruhe kommen und der aufsteigende Rauch enthält durchaus erwünschte Inhaltsstoffe, v.a. ätherische Öle und Harze.

Dazu lässt man bestimmte Kräuter, Hölzer, Harze oder Baumnadeln sanft auf milder Glut verglimmen, damit die Wirkstoffe nicht stinkend verbrennen. Das Räuchern ist also nichts anderes als die Urform der Aromatherapie, bei der die isolierten ätherischen Pflanzenöle verwendet werden.

Duft und Wirkung sind untrennbar, denn die Duftwahrnehmung wird vom Limbischen System (dem „Urhirn“) in eine Gefühlslage übersetzt. Deshalb wirken Gerüche „am Denken vorbei“ unmittelbar auf unsere Stimmung. Auf stofflicher Ebene sind es insbesondere phenolische Substanzen, deren antimikrobielle Wirkung man sich beim Räuchern von Lebensmitteln zu Konservierungszwecken zunutze macht. Auf dieselbe Weise wirkt bestimmtes Räucherwerk leicht desinfizierend und klärt die Luft von Krankheitserregern. So wurden etwa in Krankenzimmern Wacholder- oder Thymian-Zweige verräuchert, um grippale Infekte und sogar Pest und Cholera einzudämmen. Dazu wird in (vorübergehend) leeren Räumen kräftig ausgeräuchert, wenn die Atmosphäre durch Angst, Streit oder Krankheit belastet wurde. Sind Menschen im Raum, gilt: Weniger ist mehr. Eine zarte Rauch-Spur kann eine Wohltat sein, während zu viel Rauch die Atemwege reizen und Kopfweh verursachen kann.

 

Rauhnächte - die Zeit zwischen den Zeiten
 

Noch heute wird in vielen Gegenden Europas die alte Tradition des „Ausräucherns“ gepflegt, ganz besonders in den zwölf Rauhnächten (eigentlich Rauch-Nächte) zwischen Weihnachten und Dreikönig. Es ist die dunkelste Zeit im Jahr, die „Zeit zwischen den Zeiten“, in der – wie es hieß – die Tore zur Anderswelt geöffnet sind und die Tiere sprechen können. In vorchristlicher Zeit wurden diese besonderen Nächte zelebriert, man ließ Kräuterbüschel vorsichtig auf der Glut aus dem Küchenherd (dem Herzen des Haushalts) verglimmen und den duftenden Rauch in den Himmel steigen.

Doch nachdem die Menschen zum Christentum übergegangen waren, wurde in dieser Zeit vor bösen Geistern und teuflischen Mächten gewarnt und es ging die Angst um – vor der Frau Percht (deren Existenz man trotz aller Gottesfurcht nicht zu leugnen wagte), vor der Wilden Jagd, vor Hunger, Leid, Tod und Teufel.

Die Wilde Jagd war ein Heer unglücklicher Geister, die in diesen längsten Nächten des Jahres angeblich johlend und klagend über den Himmel ziehen und Unheil bringen. Der Anführer des Himmelszuges soll warnend „Ho ho ho!“ gerufen haben. In früheren Versionen aber, hatte das Heer eine Anführerin und zwar niemand anderen als die Percht selbst. Sie ist die dunkle Verkörperung der Frau Holle, die für so elementare Dinge wie Geburt und Tod, das Wetter und den Erntesegen zuständig war. Ihr galten letztlich auch alle wichtigen Räucherungen. Die Ähnlichkeiten zwischen Wörtern wie Holle, Hölle, hell, hold oder Huldigung sind kein Zufall, und hätten wir nicht seit einigen Generationen vergessen, ihr zu huldigen, hätten wir vielleicht keinen Klimawandel und im Winter würde sie weiterhin die Federbetten ausschütteln, dass es bei uns herunten auf der Erde schneit. ;-)

Kraftvoll durch die Wechseljahre
Kraftvoll durch die Wechseljahre

 

Die Rauhnächte sind die Hauptsaison des Räucherns!
 

Sei es aus rituellen Gründen, um die Ordnung zwischen Himmel und Erde zu beschwören, oder aus Angst vor „bösen Geistern“ oder Krankheiten: Die Rauhnächte sind die Hauptsaison des Räucherns. Das Räucherwerk dazu holte man aus den Wäldern und Wiesen. Der exotische Weihrauch war einst schwer zu bekommen und sehr teuer, so blieb man lange Zeit beim Wacholder, dem „europäischen Weihrauch“, der fest in der hiesigen Tradition und Spiritualität verankert war und ebenso wirksam ist. Weitere wichtige Räucherpflanzen der Rauhnächte waren Beifuß, Schafgarbe, Eschensamen, Fichtenharz, Holunder, Mistel, Wiesensalbei und andere.

Auch das Bienen-Kittharz Propolis eignet sich hervorragend zum Räuchern, es ist ausnahmsweise tierischen Ursprungs und einer meiner absoluten Lieblinge. Auf der etwas überkühlten, weiß überzogenen Glut sacht verglimmt, erzeugt Propolis einen heimeligen, honig-süßlichen Duft, der mich in düsteren Winternächten in ein kuscheliges Nest-Gefühl einhüllt.

Für Frauen, die unter hormonell bedingten Schweißausbrüchen, Stimmungsschwankungen und Schlaflosigkeit leiden, die gnadenlos mit ihrer eigenen Vergänglichkeit konfrontiert sind und das Gefühl zwischendurch den Boden unter den Füßen zu verlieren allzu gut kennen, können Räucherungen sehr harmonisierend wirken. Rituale sind eine bewährte Hilfe in Zeiten des Wandels und der Veränderung, um den Halt nicht zu verlieren und das Loslassen besser zu ertragen. Gerade so archaische Rituale wie das Räuchern sorgen für Erdung in unserer schnelllebigen, technisierten, linearen Zeit, die von den Zyklen des Jahreslaufs ebenso entkoppelt ist, wie wir Frauen von unseren Monats- bzw. Mondzyklen.


Stech-Wacholder
Stech-Wacholder

 

Pflanzen, die in der finstersten Zeit Tradition hatten ...

 

Das Sammeln von Pflanzenteilen in der Natur (falls möglich), das Feuermachen (und sei es nur ein Stück Räucherkohle), das Aufsteigen des Rauchs, der sich gemächlich nach oben kringelt – schon das wirkt beruhigend, ausgleichend und fokussierend. Man muss auch gar kein Fan von Ritualen sein. Es reicht, sich das bisschen Zeit zu nehmen, das Räucherwerk nach Duft, Lust und Laune zu mischen, um es danach auf die Glut zu bröseln; die Zeit verstreicht stiller, wenn der Rauch sich leise ausbreitet und wir ihn vielleicht von Raum zu Raum tragen.

Wer es besonders gründlich will, kann an den ersten sechs Tagen mit herberem Material „ausräuchern“, dann gut lüften und danach an sechs Tagen „positiv einstimmen“ mit mild duftendem Räucherwerk, das auch ein bisschen Süße hat. Genaue Beschreibungen zum Räucherwerk, Anleitungen und Vorsichtsmaßnahmen findet ihr reichlich im Internet. Hier eine kleine Liste von Pflanzen, die in der finstersten Zeit im Jahr Tradition hatten:

Fichte, Tanne, Wacholder, Lärche, Kiefer (Harz, Nadeln): immergrüne Pflanzen, um den Geist bzw. den Gott/die Göttin der Vegetation zu wecken; auf stofflicher Ebene keimhemmend und beruhigend für die Atemwege
Psychisch-seelische Wirkung: öffnend, belebend, befreiend, reinigend für Geist und Körper

Johanniskraut, Alant (Blütenstände): sonnengelb blühende Pflanzen, um in der Zeit der kürzesten Tage im Jahr die bevorstehende Wiedergeburt der Sonne zu feiern (von den Rauhnächten an werden die Tage wieder länger).
Psychisch-seelische Wirkung: stimmungsaufhellend

Beifuß, Holunder, Engelwurz: Schutz vor Krankheit, Missgunst und ähnlichen bösen Geistern. Psychisch-seelische Wirkung: erdend, fördert Selbstbewusstsein und Standfestigkeit

Propolis (als Rohstoff vom Imker): entspannend, vermittelt Gelassenheit und Zuversicht

Bernstein (ein fossiles Harz): wird ebenfalls der Sonne zugeordnet. Gibt innere Kraft und Ruhe, Selbstbewusstsein und Lebensfreude.

 

In diesem Sinne: Beschauliche Rauchnächte!

;)   Gerit

Dr. Schreibers® Klimawechselbotschafterin

 

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Bildquellen:
Marina Vuturo
Photo by Alina Miroshnichenko on Unsplash

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