Wenn die Hormone das Leben bestimmen - Interview mit Patrice Fuchs

Wenn die Hormone das Leben bestimmen - Interview mit Patrice Fuchs

Bloggerin Patrice Fuchs spricht auf ihrem Blog familierockt.com über Themen, die uns alle betreffen. Humorvoll und tiefgängig behandelt der Blog die Sorgen von Kindern, die Probleme von Erwachsenen, historische Lebensarten und unsere Zukunft. Vor kurzem hat Patrice ihre ganz persönliche Erfahrung mit den Wechseljahren geteilt. Wir durften sie dazu interviewen.

Liebe Patrice, wie bei jedem Interview stellen wir auch an dieser Stelle die Frage - was bedeutet Weiblichkeit und Weiblichkeit zu leben für dich?

Ich habe mir als kleines Mädchen schon gedacht: „Warum sind Buben besser als Mädchen? Warum sagen alle, dass Männer stärker sind und mehr aushalten als Frauen? Die Buben im Kindergarten heulen doch auch sofort, wenn ihnen was nicht gelingt!“

Ich habe daher immer doppelt geprüft, ob etwas wirklich „weiblich“ oder „männlich“ ist.

Zum Beispiel: Ist es wirklich so schwer für eine Frau eine Bohrmaschine zu bedienen? Nein! Viel leichter als Autofahren. Oder: Sind Männer wirklich lustiger als Frauen? Nein! Meine Freundinnen sind im Gesamten sicher humorvoller als meine Freunde.

Was aber Weiblichkeit definitiv ist: Komplex. Unsere Körper sind sehr viel komplexer als männliche Körper. Besonders, wenn wir Kinder bekommen, aber auch wenn nicht, denn wir gehen im Laufe des Lebens durch größere Veränderungsphasen als Männer.

Und von vielen Dingen, die unsere Körper betreffen, redet man nicht. Nicht einmal alle Mütter besprechen diese Dinge mit ihren Kindern . Nehmen wir den vaginalen Ausfluss: Ausfluss gilt im allgemeinen als etwas wofür sich Frauen genieren müssen. Dabei ist Ausfluss für die Gesundheit etwas unglaublich wichtiges. Also etwas Gutes.

Weiblich zu leben, bedeutet also nicht zuletzt: viele ambivalente Gefühle.

Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen kommen in den Wechseljahren tatsächlich häufiger vor, als oft angenommen. Wichtig ist es, die Ursachen professionell abklären zu lassen.

Du hast erst vor kurzem auf deinem Blog sehr offen über den Wechsel und ein weiteres "Tabuthema", nämlich Depressionen geschrieben.

Ja, ich habe gute 5 Jahre damit gewartet, über meine Wechselbeschwerden zu bloggen, weil ich nicht „jammern“ wollte. Aber dann habe ich erkannt, wie viele Frauen in meinem Alter an Hormonschwankungen leiden. Kein Wunder: Ich kenne natürlich viele Frauen die zwischen 40 und 50 sind. Und bei ihnen setzt der Wechsel jetzt langsam ein. Die wenigsten kommen aber von selber gleich auf die Idee, dass es sich um Hormonschwankungen handeln könnte, weil das Thema Wechsel gesellschaftlich nur sehr oberflächlich besprochen wird.

Bei dir begann die hormonelle Umstellung mit Ende 30, Anfang 40 kamen die Depressionen. Wie hast du diese Zeit wahrgenommen und was hat dir geholfen?

Ich habe in diesen Jahren verstanden, dass Hormonschwankungen unsere Persönlichkeit radikal verändern können. Ich habe mich selbst teilweise nicht wiedererkannt. Ich hatte dunkle Gefühle, die ich noch nie empfunden habe. Nicht nur Selbstmordgedanken. Ich habe auch anders gedacht und geurteilt.

Geholfen hat lange Zeit gar nichts. Ich habe mit Ach und Krach meine Existenz erhalten und mir irgendwann gedacht: Ich brauche SOFORT Hilfe! Dann saß ich in einer Ambulanz bei einer Gynäkologin und hab versucht ihr klar zu machen, dass was passieren muss, weil ich keinen Tag länger so leben kann. Sie antwortete, dass sie leider auch nicht wüßte, wohin ich gehen soll und schickte mich heim.

Warum glaubst du, dauerte es so lange, bis überhaupt ein Arzt erkannte, dass die Depression an den Hormonen lag?

Es hatten schon ein paar Ärzte erkannt, dass da ein Zusammenhang bestand. Aber sie wussten nicht, was sie konkret tun könnten. Ich war zum Beispiel bei einer Endokrinologin. Sie hat einen Hormonstatus machen lassen und mir erklärt, dass mein Progesteron sehr niedrig sei, aber sie könne mir nichts verschreiben, weil sie sich auf diesem Gebiet nicht auskenne. Dann ging ich mit dem Hormonstatus zum Gynäkologen und er sagte auch, dass er da kein Spezialist sei. Wohin ich gehen sollte, wusste er auch nicht.

Offenbar wird das Thema von der Medizin nicht ernst genommen. Am Ende landete ich bei einem Frauenarzt, der sich auf Hormontherapien spezialisiert hat. Er hat mir dann sehr schnell geholfen.

Im Wechsel kann es zusätzlich zur psychischen Belastung werden, wenn sich das Äußere so rapide verändert. Neben Gewichtszunahme sind vor allem Veränderungen bei Haut und Haaren am offensichtlichsten. Diese werden ja oft als Symbol der Jugendlichkeit und Weiblichkeit gesehen. Viele Frauen sorgen sich, all das im Wechsel zu verlieren.

Ja, man weiß ja auch nicht, warum das plötzlich so ist. Man fühlt sich insgesamt nicht wohl und dann wird es auch äußerlich sichtbar. Die Haare werden lasch, die Nägel brüchig und man fühlt sich schwerer. Als ob die Energie ausgeht.

Früher haben Frauen im Wechsel meistens die Haare kurz geschnitten. Vielleicht gelten auch deswegen lange Haare noch heute Ausdruck von Jugendlichkeit.

Was würdest du Frauen mit diesen Sorgen sagen/raten?

Man kann einerseits gegensteuern. Es müssen ja nicht gleich Hormone sein, wenn die Symptome mild sind. Auch pflanzliche Produkte können die Haare dichter machen. Andererseits plädiere ich für mehr Kreativität! Man muss nicht immer die selbe Frisur und dasselbe Schönheitsideal haben. Man kann auch lange Haare haben, wenn sie dünner sind. Das kann auch elegant aussehen. Warum nicht mit Tüchern und Locken experimentieren.

Wie hast du diese Veränderungen wahrgenommen und wie bist du damit umgegangen?

Das wichtigste für mich ist immer: Auch wenn ich eine Veränderung an meinem Körper nicht gut finde, habe ich mich trotzdem gern und verurteile mich nicht dafür. Manches kann man nicht so einfach ändern.

Ich habe dann angefangen am Abend immer 10 Liegestütz zu machen. Das geht schnell und ist recht effektiv. Mein Bauch wurde nicht kleiner, aber der Apparat stärker. Ich konnte mehr heben und bekam eine bessere Balance. Das war ein gutes Gefühl. Außerdem habe ich Magnesium, Eisen und Vitamin B genommen und jeden Tag ein Glas Milch getrunken. Das ist gut für die Venen, Knochen und Haare.

Wie pflegst du deine Haare am liebsten? Hast du spezielle Haarpflegetipps für die Haare im Wechsel?

Ich wasche meine Haare höchstens zwei Mal die Woche und benutze nicht immer die selben und geringe Mengen an Shampoos und Spülungen, damit Abwechslung reinkommt. Ich föhne sie sehr selten. Ein paar Mal im Jahr bekommen sie eine Packung. Nachdem der Großteil meiner Haare erweist sind, als ich ca. 20 Jahre alt war, habe ich sie lange dunkel gefärbt. Doch seit ca. 8 Jahren war mir das Nachfärben zu blöd und ich ging in die gegenteilige Richtung und blondierte mir den dunklen Anteil. Jetzt sind sie fast schneeweiß.
Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich je anders ausgesehen habe und bin sehr zufrieden mit meinen Haaren.

Du  schreibst, dass man für jedes “Wechselproblem” im Netz eine Lösung findet, wie für die Reparatur von kaputten Stellen am Auto, alles sehr oberflächlich. Was wünschst du dir für die Zukunft, was den Umgang mit weiblichen Themen betrifft?

Ich wünsche mir einen Lehrstuhl zum Thema Frauen-Medizin und ein Beratungs-Cafe für Menstruations- und Menopausenfragen.

Wie hat sich dein Leben durch den Wechsel verändert? Wie fühlst du dich nun?

Ich bin die lästige Menstruation los. Das finde ich positiv. Mit der Hormonersatztherapie ist meine Stimmung wieder stabil, ich habe keine Gelenkschmerzen mehr und ich schlafe besser. Ich fühle mich erstaunlich vital und habe nicht nur viel Spass sondern bin auch durchsetzungsstärker als früher. Ich denke, dass kommt auch von der Lebenserfahrung. Aber wenn ich mich weiter mit Hormonschwankungen rumschlagen hätte müssen, wäre davon nicht viel übrig geblieben.